Entspannung im Insolvenzgeschehen

Sicherlich, die Überschrift klingt zunächst wie eine gute Nachricht, allerdings: Der Rückgang fällt schwächer aus als in den beiden Vorjahren. Denn die „Schleifspuren“ der europäischen Staatsschuldenkrise machen sich auch beim Insolvenzaufkommen bemerkbar, so dass die Entspannung der Insolvenzsituation bei den deutschen Unternehmen nicht mehr ganz so stark ausgefallen ist wie im Zuge der wirtschaftlichen Erholungsphase in den Jahren 2010 und 2011. Was heißt das konkret?

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen sank auf 29.500 Insolvenzfälle. Gegenüber dem Vorjahr (30.120 Fälle) entspricht dies einem Rückgang um 2,1 Prozent. In den beiden Vorjahren fiel der Rückgang noch kräftiger aus (2011: minus 6,1 Prozent; 2010: minus 2,6 Prozent).

Auch bei den Verbraucherinsolvenzen ist eine sinkende Zahl der Insolvenzfälle zu verzeichnen. Insgesamt mussten 101.500 Verbraucher einen Insolvenzantrag stellen – 1,7 Prozent weniger als im letzten Jahr (2011: 103.250 Fälle). Damit nähert man sich wieder der Marke von 100.000 Verbraucherinsolvenzen an. Seit 2009 wurden stets mehr als 100.000 insolvente Verbraucher im Jahr gezählt.

Starker Anstieg der Insolvenzschäden

Die Summe der Insolvenzschäden beläuft sich für das Jahr 2012 auf 38,5 Mrd. Euro. Das sind 17 Mrd. Euro mehr als im vergangenen Jahr, als sich die Schäden auf 21,5 Mrd. Euro summierten. Dabei entfallen 26,2 Mrd. Euro (2011: 15,4 Mrd. Euro) auf private oder gewerbliche Gläubiger, während die öffentliche Hand mit 12,3 Mrd. Euro (2011: 6,1 Mrd. Euro) belastet wird. Damit stieg die durchschnittliche Schadenssumme je Insolvenzfall im Jahr 2012 auf 888.000 Euro, nachdem es im Vorjahr nur 511.000 Euro waren.

Die Zahl der Arbeitsplätze, die aufgrund der Insolvenzen verloren gehen oder bedroht sind, beläuft sich aktuell auf 346.000 Betroffene. Gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres hat die Zahl der drohen-den Arbeitsplatzverluste um 46,6 Prozent zugenommen (2011: 236.000). Die diesjährige Zahl der drohenden Arbeitsplatzverluste liegt allerdings rund 100.000 Arbeitnehmer unter dem Mittelwert der letzten zehn Jahre (ca. 450.000 drohende Jobverluste).

Stärkster Rückgang im Handel

Der Handel verzeichnet in diesem Jahr den stärksten Rückgang bei den Insolvenzen: Binnen Jahresfrist reduzierte sich der Anteil der Handelsunternehmen am Insolvenzgeschehen um 2,6 Prozent von 6.190 auf 6.030 Betriebe. Die Insolvenzquote (Zahl der Insolvenzfälle bezogen auf den Unternehmensbestand) ist im Handel von 96 auf 93 gesunken. Zum Vergleich: Die Insolvenzquote über alle Branchen hinweg beträgt aktuell 93 Insolvenzen pro 10.000 Unternehmen (Vorjahr: 95). Bemerkenswert ist dabei, dass die ostdeutsche Insolvenzquote erneut unter der westdeutschen liegt, nachdem dies im Vorjahr erstmals der Fall war. So rutschen in den neuen Bundesländern derzeit 87 Firmen je 10.000 Unternehmen in die Insolvenz (Vorjahr: 93), während es in den alten Bundesländern immerhin 95 Firmen sind (Vorjahr: 96).

Verglichen mit der gesamtdeutschen Veränderungsrate weist auch der Dienstleistungssektor einen überdurchschnittlichen Rückgang bei den unternehmerischen Insolvenzen auf: Die Zahl der Zusammenbrüche von Dienstleistern sank um 2,4 Prozent von 17.210 auf 16.800 Fälle. Etwas geringer fiel der Rückgang bei den Baufirmen aus. Hier wurde mit 4.240 Insolvenzfällen ein Rückgang um 1,2 Prozent registriert (2011: 4.290 Fälle). Im Verarbeitenden Gewerbe wurden mit 2.430 Insolvenzen genauso viele Fälle registriert wie im vergangenen Jahr.

Insolvenzgeschehen verlagert sich zu mittleren und großen Unternehmen

Die Zahl der mittleren und großen Insolvenzen hat im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen. 2012 sind es 150 Großunternehmen mit einem Jahresumsatz von über 50 Mio. Euro. Im letzten Jahr waren es gerade einmal 90 Unternehmen – ein Zuwachs um 66,7 Prozent. Ebenfalls stark gestiegen ist die Insolvenzbetroffenheit unter den Unternehmen mit einem Umsatz zwischen 25 und 50 Mio. Euro. Während 2011 nur 150 Unternehmen dieser Größenklasse den Gang zum Amtsgericht antreten mussten, sind es aktuell 180 Insolvenzfälle (plus 20,0 Prozent).

In den kleinteiligeren Segmenten hat sich das Insolvenzgeschehen auf breiter Front entspannt, wobei der stärkste Rückgang an Insolvenzen bei den kleinen Betrieben registriert wurde, die im Jahr zwischen 100.000 und 250.000 Euro umsetzen: Die Zahl der Insolvenzen ging hier um 5,9 Prozent von 6.740 auf 6.340 Fälle zurück. Weniger Insolvenzen gab es auch bei den Betrieben, die einen Jahresumsatz von bis zu 100.000 Euro (minus 4,0 Prozent) bzw. zwischen 250.000 und 500.000 Euro (minus 4,9 Prozent) erwirtschaften.

Sinkende Insolvenzgefahr bei sehr jungen Betrieben

In fast allen Altersklassen lässt sich 2012 eine rückläufige Insolvenzbetroffenheit feststellen. Der stärkste Rückgang wurde bei den Neugründungen registriert: 2012 mussten 6,1 Prozent weniger Unternehmen im Alter von bis zu zwei Jahren Insolvenz anmelden. Lediglich bei den Betrieben, deren Gründung drei bis vier Jahre zurückliegt, hat die Zahl der Insolvenzen von 4.720 auf 5.170 Fälle zugenommen (plus 9,5 Prozent). Dies könnte eventuell darauf zurückzuführen sein, dass während oder kurz nach der Finanzkrise relativ viele Gründer zu riskante Wachstumsstrategien gewählt hatten oder ihr „aus der Not geborener“ Geschäftsplan nicht hinreichend durchdacht war.

ESUG gut angenommen – neues Insolvenzrecht auf gutem Weg

Am 1. März 2012 wurde das ESUG (Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen) eingeführt. Mit guter Akzeptanz: Wurden 2011 nur elf Verfahren in Eigenverwaltung durchgeführt, so sind es 2012 über hundert Betriebe. Auch der vorläufige Gläubigerausschuss, der Ausbau des Insolvenzplanverfahrens und die Umwandlung von Schulden in Eigenkapital (Debt-to-Equity-Swaps) finden Anklang und sorgen für ein Überleben insolventer Unternehmen.

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Kommentare zu Entspannung im Insolvenzgeschehen

  1. Verschuldungszwang

    “Häufig wird die Volkswirtschaft mit einem verschuldeten Einzelhaushalt verglichen, der durch Sparmaßnahmen seine Kredite verringert. Dies ist zwar für Einzelelemente einer Volkswirtschaft möglich, jedoch nicht in der Gesamtbilanz aller Teilnehmer. In der gesamten Volkswirtschaft muss die Summe der Geldvermögen immer gleich groß sein wie die Gesamtverschuldung, da Vermögen auf der einen Seite Schulden auf der anderen Seite bedeuten. In unserem Geldsystem steigen die Geldvermögen durch die Verzinsung an, weshalb die Verschuldung um den gleichen Betrag wachsen muss. Es ist unmöglich, die Verschuldung abzubauen und die Geldvermögen anwachsen zu lassen. Ein Rückgang der Kreditaufnahme würde zu einem fallenden Zinssatz führen, weil sich der Zins aus Angebot und Nachfrage nach Krediten bildet. Fällt nun der Zinssatz unter eine Mindesthöhe (Liquiditätsgrenze), kommt es zu einer Deflation, also einem Rückzug des Geldes, weil niemand bereit wäre, überhaupt noch Kapital ohne Mindestverzinsung zu verleihen. Die Folgen wären Massenarbeitslosigkeit, Verarmung der Bevölkerung, Hunger und Bürgerkrieg. Die Neuverschuldung dient letztlich dazu, den Zinssatz auf genügender Höhe zu halten, um ein Abgleiten der Volkswirtschaft in die Deflation zu verhindern.”

    Günter Hannich (aus “Der Weg in den Dritten Weltkrieg”, 2006)

    Der Anstieg des Zinsfußes in Griechenland, Portugal, Irland, Spanien und Italien (Zinsverlierer-Staaten der EU) ist allein auf einen überproportionalen Anstieg der Risikoprämie zurückzuführen, während die Liquiditätsverzichtsprämie (Umlaufrendite) weiterhin sinkt.

    Gewählte “Spitzenpolitiker” und studierte “Wirtschaftsexperten” wissen weniger als nichts; denn alles, was sie gelernt haben, sind vorgefasste Meinungen und Denkfehler, basierend auf einer a priori fehlerhaften Geld- und Bodenordnung.

    Der “Jahrhundertökonom” John Maynard Keynes wusste, dass eine “antizyklische staatliche Investitionspolitik” die Katastrophe (globale Liquiditätsfalle) nur hinausschieben aber nicht verhindern kann, denn solange keine staatliche Liquiditätsgebühr (“carrying costs”) auf alles Zentralbankgeld (Bargeld plus Zentralbankguthaben der Geschäftsbanken) erhoben wird und es ein privates Bodeneigentumsrecht gibt, ist der Staat niemals in der Lage, die Verschuldung wieder abzubauen. Keynes wusste aber auch, dass die “hohe Politik” dumm genug sein würde, alle denkbaren und undenkbaren Möglichkeiten einer staatlichen Investitionspolitik auszuprobieren, bevor sie ihr Versagen eingestehen würde, denn etwas anderes kann die politische Seifenoper in einer Zinsgeld-Ökonomie (zivilisatorisches Mittelalter) sowieso nicht machen.

    Das einzig Sinnvolle, was Politiker tun können, ist, sich selbst überflüssig zu machen!

    Der Zins – Mythos und Wahrheit

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